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Tucholsky Bühne Theater in Minden
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Tucholsky Bühne Theater in Minden
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Der Hauptmann von Köpenick
Regie: Eduard Schynol
„Komm mit”, sagte der Hahn, „etwas Besseres als den Tod finden wir überall.”
von Carl Zuckmayer
Es ist die Geschichte vom Schuster Voigt, der den Militarismus des wilhelminischen Kaiserreichs mit dessen eigenen Waffen an der Nase herumgeführt hat.
Heinz Rühmann hat den kleinen Mann in seiner Filminterpretation unsterblich gemacht.
Wie kann man sich da trauen, dieses Stück in Minden auf die Bretter zu stellen?
Ganz einfach:
1. weil wir Rudi Menzel für die Hauptrolle haben.
2. weil man das Stück auch ganz anders interpretieren kann, als es der Film tut.
3. weil es die Bretter des Preußen-Museums sind.
Die Tucholsky Bühne sucht für ihre Stücke gerne den passenden Ort und wir sind sicher, ihn wieder gefunden zu haben.

Hahn, Hund, Esel und Katze haben in ihrer vertrauten Welt nichts mehr verloren.
Darum haben sie auch nichts mehr zu verlieren, als sie sich auf den Weg machen. Das Zitat aus dem Grimm'schen Märchen komprimiert
die Geschichte des Schusters Wilhelm Voigt in einem Satz.
So ähnlich wie die ausgemusterten Tiere mag sich der Mann aus Tilsit gefühlt haben, der im Berlin des Kaisers Wilhelm Zwo am Beginn des 20. Jahrhunderts keinen Platz fand.
Doch anders als Carl Zuckmayer ihn romantisierend darstellt, war er wohl eher ein kleiner Gauner als „ein edler Wilder” in den proletarischen Jagdgründen von Berlin, eher ein Schlitzohr als ein „Robin Hood” der sozialen Gerechtigkeit.
Erst sein Riecher für die Schwachstelle der preußischen Gesinnung, den unbedingten Glauben an das Militär, an Kaisers bunten Rock, an den damit zwangsweise verknüpften Kadavergehorsam, machte ihn unsterblich.
Friedrich Amann hat das Stück für unsere Bühne illustriert.
Er macht den Hahnenkamm zum Federbusch auf dem preußischen Paradehelm.
Dieser zwingenden Symbolik kann man sich nicht entziehen, dem Übergang vom böse-starren Vogelblick des arroganten Hauptmann-Hahns zum gemütlich grinsenden Schlitzohrgesicht genau so wenig.
Die andere Hälfte, den Schuster, sieht man auf dem Plakat nicht. Erst im Theater erlebt man den kleinen blassen Mann, erst am Ende wird er ganz sichtbar.
Friedrich Amann, Jahrgang 1953, lebt mit seiner Familie in Minden. Seit mehr als 20 Jahren zeichnet der freiberufliche Künstler mit der Ausbildung zum Diplom-Grafikdesigner als Illustrator für private Kunstinteressenten, Museen und Werbeagenturen. Im Rahmen seiner Arbeit sind auch zahlreiche
Plakatillustrationen für Kulturveranstaltungen und regionale Theater entstanden. Die Illustration zu „Der Hauptmann von Köpenick” ist nach „Animal Farm” (1999) seine zweite Arbeit für die Tucholsky-Bühne.
Befehl ist Befehl!
Vor 100 Jahren machte der arbeitslose Schuhmacher Wilhelm Voigt als „Hauptmann von Köpenick” Geschichte.
Köpenick, 16. Oktober 1906: Im Rathaus herrscht große Aufregung.
Ein Hauptmann hat sich mit zehn Soldaten Zutritt verschafft und die Portale des Gebäudes besetzt. Er eröffnet dem Bürgermeister, dem Oberstadtsekretär und dem Kämmerer, dass sie „auf Allerhöchsten Befehl” nach Berlin gebracht würden.
Gesagt, getan - die Herren fügen sich ins Unabänderliche, machen sich eiligst reisefertig und werden unter Bewachung zur Neuen Wache transportiert. Derweil empfiehlt sich der Hauptmann und verschwindet, samt 4000 Mark aus der Stadtkasse.
Schnell wird klar, dass sämtliche beteiligten Füsiliere, Grenadiere, Gendarmen und Stadtbeamte auf einen dreisten Betrüger reingefallen sind. Eine Hauptmannsuniform und das entsprechende nassforsche Auftreten haben ausgereicht, idiotische Befehlsempfänger aus ihnen zu machen.
„Vor der Uniform liegen alle auf dem Bauch”, schreibt denn auch anderntags das Berliner Tageblatt, und im sozialdemokratischen Vorwärts heißt es: „Die Welt lacht auf Kosten des preußischen Junkerstaats.
” Das Gelächter wird noch größer, als nach zehn Tagen verbissener Fahndung (und einem heißen Tipp aus der Unterwelt) der Täter gefasst ist: ein arbeitsloser, vorbestrafter Schuhmacher im fortgeschrittenen Alter namens Wilhelm Voigt.
Der Prozess gegen Voigt findet unter riesiger öffentlicher Anteilnahme statt. Die Weltpresse ist angereist, der Saal gerammelt voll. Der Angeklagte berichtet von den frustrierenden Erfahrungen mit der preußischen Bürokratie, die ihn zu seiner Köpenickiade getrieben hätten, und beteuert, er habe sich im Rathaus nur ein Passformular verschaffen wollen. Der Staatsanwalt klagt den Schuhmacher allen Ernstes an, durch seine Aktion „den ganzen Staatsorganismus in Trümmer geschlagen” zu haben, und beantragt fünf Jahre Zuchthaus. Dem folgt das Gericht nicht ganz - Voigt kommt mit vier Jahren davon.
Er ist schlagartig berühmt geworden, erhält Hilfsspenden und Post aus aller Welt, sein Coup wird in Moritaten besungen, von Karikaturisten glossiert, auf Lustspielbühnen ausgekostet. 1908 wird Voigt begnadigt, „auf Order Seiner Majestät des Kaisers”, der sich bemüßigt fühlt zu betonen, wie sehr er selbst über den Vorfall in Köpenick gelacht habe.
1909 erfährt die Öffentlichkeit mehr über Wilhelm Voigt: Unter dem Titel „Wie ich Hauptmann von Köpenick wurde” veröffentlicht er, mit diskreter Hilfe eines Berufsschriftstellers, sein „Lebensbild” in Buchform.
Darin erzählt der 1849 in Tilsit geborene Schuhmachersohn von freudlosen Kinderjahren (der Vater ist spielsüchtig und gewalttätig), Fluchtversuchen von Zuhause und frühen Zusammenstößen mit der Polizei – seine erste Vorstrafe erhält er als Halbwüchsiger wegen angeblicher Bettelei.
Als 18-Jähriger wird er wegen Fälschung von Postanweisungen zu 12 Jahren Zuchthaus verurteilt.
Nachdem er die abgesessen hat (nicht ohne sich durch die gesamte Gefängnisbibliothek zu lesen), versucht er in seinem erlernten Schuhmacherberuf Fuß zu fassen, arbeitet in rascher Folge u. a. in Erfurt, Eisenach, Prag, Odessa, Lodz, Riga und Potsdam, wobei es sein Geheimnis bleibt, warum er so oft Ort und Fabrik wechselt.
Als Voigt wieder einmal im Gefängnis sitzt, für ein Jahr in Posen, wegen eines dubiosen Musikinstrumenten-Diebstahls, lernt er einen Mithäftling namens Kallenberg kennen, mit dem er dummerweise, kaum auf freiem Fuß, das nächste „Ding” dreht: Sie brechen in die Posener Gerichtskasse ein und werden auf frischer Tat ertappt. Voigt bekommt drakonische 15 Jahre aufgebrummt. Als auch die endlich vorbei sind, hat bereits das Jahr 1906 begonnen - und sozusagen der Köpenick-Countdown. Wilhelm Voigt, mit seinen fast 30 Haftjahren bei den Behörden endgültig abgestempelt, ein gebrochener Mann an der Schwelle seines Lebensabends, macht folgende Erfahrung: Nirgends, auch nicht in seiner Geburtsstadt Tilsit, bekommt er - der im Ausland ein neues Berufsleben beginnen will - einen Pass.
Als er in Wismar eine Arbeitsstelle antritt, wird er nach kurzer Zeit ohne Begründung ausgewiesen. Dasselbe wiederholt sich in Berlin. Jetzt weiß Voigt endgültig nicht mehr weiter. Das heißt, doch: Er fasst eben den waghalsigen Plan, den er bald in die Tat umsetzen wird. Die erforderliche Uniform bekommt er beim Trödler.
Wilhelm Voigts kleine Autobiografie ist mit Vorsicht zu genießen. Vieles darin erscheint beschönigt und zu seinen Gunsten zurecht gebogen. Die Gaunereien mit gefälschten Postanweisungen, die ihm die erste schwere Haftstrafe einbrachten, waren wohl weniger harmlos als er sie darstellt. Auch dass er es im Köpenicker Rathaus nur auf einen Pass abgesehen habe (wofür es hier gar keine zuständige Stelle gab!) und die Stadtkasse ihm vom Kämmerer förmlich aufgedrängt worden sei, gehört in den Bereich dichterischer bzw. prozesstaktischer Freiheit. In anderen Punkten scheint Voigts Lebensbericht aber durchaus glaubhaft: Dass er wegen eines geringfügigen, nicht einmal nachgewiesenen Eigentumsdelikts schon als Jugendlicher übermäßig hart bestraft wurde. Dass diese Strafe ihn sozial abstempelte und den nächsten Rückfall geradezu vorprogrammierte. Auch die Schikanen und Demütigungen durch eine Bürokratie, die ihm nach Gutdünken den Pass vorenthält und ihn von Ort zu Ort jagt, hat sich der Schuhmacher nicht aus den Fingern gesogen.
Vollends zum Volkshelden wird der „Hauptmann von Köpenick” posthum, dank Carl Zuckmayers gleichnamiger Komödie, die den Untertitel „Ein deutsches Märchen in drei Akten” trägt. Das Stück, in dem Zuckmayer die Begebenheiten von 1906 aufgreift und mit Fantasie und Witz frei ausgestaltet, wird 1931 am Deutschen Theater uraufgeführt, zu einem Zeitpunkt, als die bedrohlich erstarkenden Nazis „die Nation in einen neuen Uniform-Taumel” versetzen, wie der Autor rückblickend schrieb. „Der Hauptmann von Köpenick”, für Thomas Mann „seit Gogols ‚Revisor’ die beste Komödie der Weltliteratur”, tritt sofort ihren Siegeszug auf allen Bühnen an und wird verfilmt (nicht zu verwechseln mit der zweiten Verfilmung 1954 mit Heinz Rühmann).
1933 verbieten die Nazis die beißende Militarismus-Satire. Der alte Kadavergehorsam wird wieder gebraucht: „Führer befiehl, wir folgen!”
Und was wurde aus Wilhelm Voigt, nachdem er 1908 vorzeitig frei gekommen und ein Jahr darauf unter die Buchautoren gegangen war?
Er versuchte mit einigem Erfolg seine Geschichte zu vermarkten und zog, eigene Postkarten verkaufend, durch die Lande. Da er dabei wegen Verletzung der Gewerbeordnung wieder mit der Polizei aneinander geriet, ließ er sich in Luxemburg nieder. Dort ist er Anfang 1922 verarmt gestorben - die Inflation hatte seinen späten Wohlstand schon wieder aufgezehrt.
Olaf Cless
Olaf Cless ist freiberuflicher Kulturjournalist in Düsseldorf und tritt außerdem mit dem Kleinkunstensemble TrioGesangVerein auf.
Kürzlich erschien ein von ihm mitverfasstes Buch über das Kabarett „Kom(m)ödchen”. Obenstehenden Artikel entnahmen wir mit freundlicher Genehmigung dem Straßenmagazin fiftyfifty, Ausgabe Oktober 2006.
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