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Dramatischer Hilferuf der Schwachen
Premierenbericht / Mindener Tageblatt / 12.01.2004
Tucholsky-Bühne mit „Einer flog über das Kuckucksnest” erfolgreich / Überzeugende Inszenierung, engagierte Darsteller.
Von Ralf Kapries
Minden (pri).
Freuen dürfen sich die Ensemblemitglieder der Tucholsky-Bühne:
Mit ihrer Premiere des bekannten Stücks „Einer flog über das Kuckucksnest” von Dale Wassermann
haben sie am Mittwochabend im Cafe des Mindener Stadttheaters eine gelungene Inszenierung vorgestellt.
Diese Arbeit hat ihren Applaus verdient, denn sie dürfte zum Besten gehören, was die Schauspiel-Amateure bisher auf die Beine gestellt haben.

Das liegt einerseits an dem starken Stück, als auch an Schynols überzeugender Inszenierung, die neben der vordergründigen Handlung zahlreiche Details auslotete. Da steht im Vordergrund der Kriminelle Rändle P. MC Murphy, der dem harten Arbeitsalltag des Gefängnisses zu entkommen sucht, indem er sich in die Psychiatrie einweisen lässt. Hier stößt er auf Schwester Ratched, die über „ihre” Station ein unerbittliches Regiment führt.
Sie lässt auf keinen Fall zu, dass MC Murphy versucht, ihre Patienten zu dominieren. MC Murphy hingegen provoziert sie heftig, um sie aus ihrer Reserve zu locken.
Am Ende erringt Schwester Ratched einen bitteren Sieg. Doch auch MC Murphy wirkt ambivalent: Es ist nicht nur der Gute, der frischen Wind in die öde Patientenwelt bringt. Er zieht seinen Mitpatienten beim Glücksspiel das Geld aus der Tasche, misshandelt die hilflose Ruckly, ist verängstigt, als er erkennt, dass er in eine Falle gelaufen ist; sein Ende ist tragisch, aber ist es nicht auch ein bisschen „verdient”?
Schwester Ratched ist nicht nur der „Stationsdrache”, sondern opfert sich anscheinend wirklich für ihre Patienten auf; ihre Selbstsicherheit aber ist dahin, als sie MC Murphy endgültig „geheilt” hat. Diese und andere Feinheiten verhelfen dieser Inszenierung zu ihrem Erfolg.
Das Fundament dieser gelungen Produktion aber ist die Gesamtleistung des Ensembles, dessen Enthusiasmus ein gewaltiges Stück Arbeit vollbringen half und stimulierend auf die Zuschauer wirkt. Alle sind daran gewachsen.
Nur auf einige der tragenden Säulen kann verwiesen sein: Natürlich Bettina Ehmer-Turner als Schwester Ratched, die vielleicht an den Stellen noch ein wenig feilt, an denen sie aus der Contenance gebracht wird. Die zweite äußerst textintensive Hauptrolle und damit einen Großteil der Hauptlast trägt Stefan Diekmann als kraftvoll-lebendiger MC Murphy.
Durchgängig präsent ist Christoph „Charly” Braun als Cheswick. Überzeugend auch Karin Röbke, die sich mit einer gewaltigen Willenskraft über ihre körperlichen Schwächen hinwegsetzt. Entzückend die „leichten Mädchen” Christine Pohl und Helga Meier. Eine Glanzleistung liefert Vincent Schmid-Loertzer als stotternder Billy Bibbit.
Der Zuschauer erlebt die ganze Bandbreite der Emotionen: Angst, Hilflosigkeit, Verwirrung, Ausgeliefertsein, Freude, Ausgelassenheit, Siegesgefühle.
Doch durch alles zieht sich die Kluft, die unsere Lebenswirklichkeit unmenschlich hart macht: Sie wird von der Stärke dominiert - die Schwachen werden an den Rand gedrängt, kommen nicht zurecht, nicht zu ihrem Recht, stören, werden weggeschlossen. Billy fasst dies in einem kurzen Monolog resignierend in Worte. Diesem erstickten Hilferuf der Schwachen Gehör zu verschaffen ist besonders einer integrativen Bühne wie dieser würdig.
Weitere Aufführungen: 17., 20. (auch 17 Uhr), 28., 29. (auch 17 Uhr), 30. und 31. Januar, 2., 4., 5. und 7. Februar, 20 Uhr, im Theatercafe.
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