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Tucholsky Bühne Theater in Minden
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Mindens Herz schlägt im Bordell
Premierenbericht / Mindener Tageblatt / 05.01.2009
"Rampenloch - ten years after" feiert Premiere / Hintergündige Passagen und derber Humor
Minden (cko). Es ist ein Theaterstück mit häufigen kabarettistischen Zügen. "Rampenloch - ten years after" heißt die Inszenierung der Tucholsky-Bühne, die sich der Mindener Stadtgeschichte widmet - und das Geschehen aus 1210 Jahren auf eigene Weise reflektiert.
Von Carsten Korfesmeyer
Ort der Handlung ist die Bordellstraße Rampenloch. Das Herz der Stadt schlägt dort, wo die Prostituierten Giselé (Mareike Müller) und Anoushka (Bettina Ehmer-Turner) ihre Freier empfangen. Und das sind alles Personen, die in der Mindener Historie eine Rolle spielen. Ob Karl der Große, Heinrich Heine, der "Alte Fritz" oder sogar Würdenträger der Gegenwart: Sie alle waren zwar nie wirklich im Rampenloch, doch ihre Bedeutung für die Stadt wird mit dem Stilmittel eines Puffbesuchs dargestellt. Sicher gewagt, aber gut.
Wer sich am Freitagabend im voll besetzten Café im Stadttheater (TiC) auf das Stück einlässt, darf keine Angst vor derber Sprache haben. Aber genau die ist das Salz in der Suppe, die von zwei hervorragenden Darstellerinnen gewürzt wird.

Anoushka (Bettina Ehmer-Turner) und Giselé (Mareike Müller) reflektieren 1210 Jahre Mindener Stadtgeschichte auf ihre Weise.
(Foto: Carsten Korfesmeyer)
Mareike Müller spielt die jugendlich unbedarfte Giselé auf eine herzliche Weise, die prima ankommt. Bettina Ehmer-Turner stellt mit der routinierten Anoushka den entsprechenden Gegenpart dar - und brilliert ebenfalls.
1210 Jahre Mindener Geschichte
Regisseur Eduard Schynol, der das Stück auch geschrieben hat, fasst 1210 Jahre wesentliche Mindener Geschichte in rund 80 Minuten zusammen. Schon zum Stadtjubiläum 1998 konnte er mit dieser kurzweiligen und hintergründig humorvollen Inszenierung glänzen. Die aktuelle Version ist um ein Jahrzehnt verlängert, das aber nicht einfach nur hinten drangehängt ist. Geschickt sind Themen wie Klinikum, Domhofgalerie oder Simeonstor integriert worden.
Um die historischen Momente zu vermitteln, wagt sich das Ensemble auch in Grenzbereiche. So wird die Schlacht bei Minden von 1759 mit mehr als 9000 Toten im Stile einer Fußballreportage gezeigt. Bei "Abpfiff" ertönt Stadionjubel, die Darstellerinnen tragen einen Fanschal - und führen ein Interview mit dem siegreichen Herzog von Braunschweig, dessen Stellungnahme wie die eines Trainers klingt.
Aber exakt diese überspitzten Momente sind es, die den Zuschauern die Augen öffnen. Die kritischen Töne von der rot schimmernden Bühne werden zwischen den Zeilen hörbar - und der gesellschaftliche Wandel spielt dabei eine ebenso große Rolle.
Zeitgeist spiegelt sich wider
So wird eindrucksvoll die Kunstfreiheit um das Hagebölling-Keilstück vermittelt und: Giselé und Anoushka lernen mit steter Regelmäßigkeit Vokabeln, die den jeweiligen Zeitgeist spiegeln. Zuerst sind es schwedische, dann französische, schließlich englische - und zuletzt türkische Vokabeln. Beide Darstellerinnen haben in der Inszenierung ein erhebliches Textpensum zu absolvieren, was schon deshalb ein großes Lob verdient. Kleine Versprecher werden geschickt überspielt - und fallen nur Insidern oder "Zweit-Besuchern" auf.
"Rampenloch - ten years after" ist generell ein Stück, das man sich durchaus öfter ansehen kann. Gewiss gibt es noch viele hintergründige Passagen zu entdecken, die beim ersten Mal (fast) noch untergehen. Dazu zählt beispielsweise auch der doppeldeutige Schlusssatz von Giselé, die zu der Erkenntnis kommt: "Das Rampenloch ist eine Sackgasse."
Weitere Aufführungen am 16., 22., 25., 31. Januar sowie am 14., 28. Februar und 6., 7. März jeweils um 20 Uhr. Die Aufführung am 9. Januar beginnt um 22 Uhr; die Vorstellungen am 25. Januar, 1. und 15. Februar starten um 18 Uhr. Karten gibt es bei "express" - Reisen/Tickets/Zeitschriften, Obermarktstraße 28-30, Telefon (05 71) 8 82 77 oder in der Buchhandlung Bücherwurm, Alte Kirchstraße 9 sowie unter www.tucholsky-buehne.de.
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